…auf ein Wort (Juni 2021)

„Wo ich bin, da soll mein Diener auch sein.“ (Johannes 12,26)

Wenn wir diese Aussage Jesu hören, verlegen wir ihre Erfüllung gerne in die Zukunft: Jesus ist aufgefahren in den Himmel, also werden wir eines Tages dort bei ihm sein. Die Vorfreude auf das himmlische Jerusalem tröstet uns, ebenso wie der Gedanke, dass Jesus selbst eine Wohnung im Himmel für uns bereitet. Für einen Jünger gibt es eben keinen Ort, an dem er lieber wäre, als in der unmittelbaren Nähe seines Herrn! Danach sehnen wir uns und genau dorthin lädt Jesus uns ein. Jedoch nicht erst in ferner Zukunft.
Wenn man nämlich den Text in seinem Zusammenhang liest, muss man doch erst einmal schlucken. Denn da geht es um das Weizenkorn, das sein Leben verliert, um Frucht zu bringen. Für die Jünger geht es darum, dem Treiben dieser Welt den Rücken zu kehren. Es geht also um unser irdisches Leben im Hier und Jetzt. „Wer mir dienen will, der folge mir nach.“ So beginnt unser Vers. Aber wohin, Jesus? Wo bist Du bereits und wartest auf uns?

Es mag helfen, herauszufinden, wohin Jesus während seines Wirkens hier auf der Erde ging: zu Menschen, die sich nach dem Wort Gottes sehnten, zu Außenseitern, zu Sündern, zu Kranken, zu denen, die ohne Hoffnung waren, zu Verzweifelten. Aber auch die Auseinandersetzung mit den Lehrern und Anführern jener Tage scheute er nicht. Jesus suchte Menschen genau dort auf, wo sie in ihrem Alltag gerade waren: Fischer, die einen enttäuschenden Arbeitstag hinter sich hatten, einen Zöllner, der seinem Geschäft nachging, einen Gelähmten, der nicht nur unter seiner Behinderung, sondern auch unter seiner Einsamkeit litt. Die Leute mussten sich nicht langwierigen Reinigungsritualen unterziehen. Es bedurfte nicht, wie im alten Bund üblich, der sorgfältigen Vorbereitung, um Gott in Jesus zu begegnen. Er sprach Menschen an. Er rief sie zur Nachfolge. Jesus half ihnen in ihrer Not.
Und so müssen wir keine ausgefallenen Orte aufsuchen, um Jesus nachzufolgen, um dort zu sein, wo er ist. Es reicht völlig, die Augen in unserem Alltag zu öffnen und seine Gegenwart wahr zu nehmen. An unserer Arbeitsstelle, egal ob sie uns erfüllt oder stresst, in unseren Familien, egal ob unser Familienleben harmonisch oder schwierig ist, bei unseren Nachbarn, Freunden, Bekannten, in unserer Freizeit usw. Vielleicht aber ist Jesus uns an Orte, zu Menschen oder in Gemeindedienste vorangegangen, die wir noch gar nicht auf dem Radar haben. Sind wir bereit, ihm zu folgen?

Gudrun Brandl